Incoterms® FCA vs. EXW: Nut­zen & Vor­teile

17.08.2019 | Export, Import | Lea Derendinger | 2 Kommentare
Nachschlagewerk Incoterms® 2010 – ab dem 10. September auch für Incoterms® 2020 verfügbar

Incoterms® sind internationale Lieferklauseln, welche von der ICC in Paris (International Chamber of Commerce) erarbeitet und herausgegeben werden.
Die neuste Version der Incoterms® wird am 10. September 2019 veröffentlicht. Die Incoterms® 2020 können ab 1. Januar 2020 angewendet werden.

  • Sie definieren zum einen den Kosten- und Gefahrenübergang bei Lieferungen.
  • Ausserdem werden hinter jeder Klausel auch die Pflichten des Käufers und des Verkäufers festgelegt.

Die Incoterms® EXW (Ex Works / Ab Werk) werden von vielen Firmen für internationale Lieferungen vereinbart. In diesem Beitrag erläutern wir Ihnen, warum sich für internationale Einkäufe und Verkäufe die FCA Incoterms® (Free Carrier / frei Frachtführer) besser eignen als EXW Incoterms®.

Drei Buchstaben – was steckt dahinter?

«Wir liefern im Export mit EXW und im Einkauf vereinbaren wir DDP. Dadurch müssen wir uns nicht um den Transport kümmern.»

Diese Aussage hören wir als Zollberater sehr oft. Doch dahinter steckt noch viel mehr als nur «Wer organisiert und bezahlt den Transport?».

Was die Incoterms® regeln:

  • die Aufteilung der Transportkosten
  • den Risikoübergang bei der Transportabwicklung
  • die Benachrichtigung der Abholbereitschaft der Waren durch den Verkäufer
  • die Verantwortlichkeit der Verzollung der Güter
  • die Zuständigkeit für die Beschaffung allfälliger Lizenzen
  • die Zuständigkeit für Zollformalitäten
  • die Prüfung der Waren
  • die Kennzeichnung der Verpackung
  • die Verpackungskosten und Verantwortung für das Verladen
  • die Versicherungsdeckung
  • die Zahlung des Kaufpreises

Was die Incoterms® nicht regeln:

  • die Zahlungsart
  • den Zahlungszeitpunkt
  • den Eigentumsübergang der Waren
  • den Gerichtsstand
  • das anwendbare Recht

Übersicht der Incoterms® 2010

Ungenaue vertragliche Vereinbarungen

Die Incoterms® kommen in der Einkaufs- oder Verkaufsabwicklung sehr früh zur Anwendung. Bereits in der Angebotsphase sollten sie berücksichtigt und klar definiert werden. Spätestens bei der vertraglichen Vereinbarung zwischen Käufer und Verkäufer muss geregelt sein, mit welchen Incoterms® die Güter geliefert werden und wer die Verantwortung für welche Teilbereiche trägt. Verkäufer und Käufer sind unsicher, wenn nicht klar ist, wer für welche Aufgaben zuständig ist und wer welche Risiken trägt!

Häufige Gründe für Unsicherheiten:

  • Halbwissen zu Incoterms®:
    In unserer Arbeit als Zollberater stellen wir oft fest, dass die Verkäufer und Einkäufer sich mit den Incoterms® nur grob auskennen. So werden oft Klauseln vereinbart, die später bei der Lieferung Probleme verursachen können. Diese Schwierigkeiten werden dann erst erkannt, wenn ein Schadenfall eingetroffen ist und wenn geklärt werden muss, wer die Verantwortung trägt.
  • Verschiedene Incoterms® je Dokument:
    Zudem sehen wir bei vielen Firmen, dass sich die Incoterms® auf verschiedenen Dokumenten ändern:  In der Bestellung sind abweichende Incoterms® definiert als in der Offerte vereinbart wurden. Oder in der Proforma-Rechnung für die Vorauszahlung sind abweichende Incoterms® genannt im Vergleich zu den Transportpapieren.

So vermeiden Sie Unsicherheiten:

  • Einheitliche Dokumentation:
    Die vereinbarten Incoterms® sollten von der Bestellung bis zur Lieferung einheitlich dokumentiert und eingehalten werden, um Missverständnisse zu vermeiden.
  • Definition genauer Lieferbedingungen:
    Begriffe oder Handelsklauseln wie «Ab Lager», «frei Haus», «door to door» sind zu ungenau, wenn die wichtigen drei Buchstaben fehlen, die definieren welche Pflichten Verkäufer und Käufer haben.

FCA Incoterms® sind praxistauglicher

Viele Schweizer Firmen benutzen die Incoterms® EXW für die Abwicklung ihrer Exportsendungen. Der Exporteur trägt mit dieser Abholklausel zwar das geringste Risiko, doch es entstehen oft diverse Probleme, die erst zu spät erkannt werden.

Klauseln vereinfacht erklärt

  • Incoterms® EXW – Ab Werk bedeu­tet ver­ein­facht

    Der Verkäufer stellt die Waren am benannten Ort zur Verfügung (meist in seinem Werk/Lager) und meldet dem Käufer, dass die Waren abholbereit sind.

    Das Transportunternehmen wird durch den Käufer ausgewählt und beauftragt. Der Käufer ist für die Beladung im Lager des Verkäufers zuständig. Er erledigt alle nötigen Zollformalitäten.

  • Incoterms® FCA – Frei Fracht­füh­rer bedeu­tet ver­ein­facht

    Der Verkäufer liefert die Waren an den benannten Lieferort (meist in seinem Werk/Lager).

    Beispiel:
    FCA (Im eisernen Zeit 51, 8057 Zürich)

    Der Verkäufer besorgt die nötigen Zollformalitäten und meldet die Sendung selber beim Transportunternehmen an, welches vom Käufer (Frachtzahler) definiert wurde. Ob der Speditionsauftrag durch den Käufer oder Verkäufer erteilt wird, ist bei FCA zwischen den beiden Parteien zu klären. Es gibt keine Vorschrift, dass nur der Käufer den Spediteur beauftragen darf.

    Frei Frachtführer heisst auch, dass der Exporteur (Verkäufer) die Beladung der Sendung am benannten Ort selber vornimmt.

Wann erfolgt die Abholung?

Wie oft warten Sie als Exporteur tagelang bis Ihre EXW-Sendung vom Käufer aus Ihrem Lager übernommen wird? Dies kann unnötige Engpässe im Lager des Verkäufers verursachen. Der Exportsachbearbeiter muss ausserdem mehrmals beim Kunden nachfragen, wann die Sendung abgeholt wird. Dies kostet den Exporteur Zeit und Geld.

Fine­so­lu­ti­ons Emp­feh­lung

Incoterms® FCA verwenden.

Die Abholung mit dem Spediteur (vom Käufer gewähltes Unternehmen) wird vom Verkäufer organisiert und terminiert. So läuft es reibungsloser. Die Waren werden zeitnah abgeholt.

Wer ist für die Beladung verantwortlich?

Das Beladen der Exportsendung vom Lager des Verkäufers auf das erste Verkehrsmittel liegt bei EXW in der Verantwortung des Käufers. Dieser befindet sich jedoch im Ausland und kann die Beladung in der Praxis nicht selber durchführen. Wenn er einen Spediteur damit beauftragt, kann es sein, dass der Fahrer die Beladung auch nicht vornehmen darf, weil der Spediteur strikt nach den AB Spedlogswiss (Allgemeine Bedingungen Spedlogswiss) arbeitet:

Art. 12 - Erst­be­la­dung /​ Letz­t­ent­la­dung

Soweit nicht abweichende Vereinbarungen bestehen, ist die Erstbeladung der Transportmittel und Transportbehältnisse Sache des Absenders und die Letztentladung diejenige des Empfängers.

Hilft der Chauffeur beim ersten Belad oder letzten Entlad oder besorgt er diese Manipulation auf ausdrückliches Verlangen des Absenders oder Empfänger allein, ist er als Hilfsperson des Absenders bzw. des Empfängers zu betrachten.

Auch wenn die Beladung durch einen Mitarbeiter des Verkäufers vorgenommen wird, führt dieser die Beladung im Auftrag des Käufers durch, der für diesen Arbeitsschritt das Risiko trägt. Sie können sich nun vorstellen, dass es zu einem Streitfall kommen wird, wenn es bei der Beladung zu einem Schadenfall kommt. Der Käufer wird den Verkäufer beschuldigen, da der Lagermitarbeiter die Güter beladen hat, obwohl der Käufer für das Beladen verantwortlich ist.

Fine­so­lu­ti­ons Emp­feh­lung

Incoterms® FCA verwenden anstatt EXW.

Dann ist das Beladen am benannten Lieferort Aufgabe des Verkäufers.

Die Beladung eines LKW liegt bei Incoterms® FCA in der Verantwortung des Verkäufers

Welche Sicherheitsaspekte sind zu beachten?

Dürfen Sie jedem Fahrer oder Chauffeur Zugang zu Ihrem Exportlager gewähren? Wenn ein Exporteur beispielsweise ein «Bekannter Versender» in der Luftfracht ist, muss dieser strenge Zutrittsberechtigungen zum Lager sicherstellen. Oft ist das Einhalten dieser Sicherheitsaspekte nicht möglich, wenn der Fahrer eines Transportunternehmens die Güter selber belädt und dafür das Equipment wie zum Beispiel den Stapler des Verkäufers verwenden muss.

Fine­so­lu­ti­ons Emp­feh­lung

Incoterms® FCA verwenden anstatt EXW.

Die Beladung sollte aus Sicherheitsgründen vom Verkäufer durchgeführt werden und nicht vom Fahrer.

Wer erledigt die Zollformalitäten und führt die Verzollung durch?

Kann Ihr Käufer als ausländischer Kunde wirklich die Ausfuhrverzollung aus der Schweiz durchführen? Viele Exporteure arbeiten mit einer Softwarelösung zum Erstellen der e-dec Export Ausfuhrliste. Auch für EXW-Sendungen wird oftmals eine Ausfuhrzollanmeldung in Form einer Ausfuhrliste erstellt. Dies bedeutet, dass der Exportsachbearbeiter über die vertragliche Vereinbarung hinaus Arbeiten erledigt, obwohl dies bei EXW Sache des Käufers wäre.

In der Praxis kommt es in solchen Fällen häufig vor, dass die Ausfuhrverzollung nicht korrekt abgewickelt wird – gerade wenn ein ausländisches Transportunternehmen vom Käufer beauftragt wird. So muss der Exportsachbearbeiter erneut Zeit aufwenden, um an den zwingend benötigten Ausfuhrnachweis (eVV Export) zu gelangen.

Auch wenn durch den Exporteur bei EXW-Sendungen keine Ausfuhrliste erstellt wurde, ist es oft sehr zeitraubend, den entsprechenden Ausfuhrnachweis zu erhalten. Dieser Nachweis wird jedoch aus steuerrechtlicher Sicht vom Verkäufer zwingend benötigt, sofern die Verrechnung an den Käufer ohne Fakturierung der schweizerischen Mehrwertsteuer vorgenommen wurde. Dies ist bei fast allen Exportgeschäften der Fall.

Fine­so­lu­ti­ons Emp­feh­lung

Incoterms® FCA verwenden anstatt EXW.

Die Zollformalitäten und die Verzollung erledigen Sie besser selber. Dann gelangen Sie einfacher und schneller an den Ausfuhrnachweis – ohne lästiges Nachfassen.

Es gibt noch viele weitere Probleme, die in der Praxisanwendung der Incoterms® EXW auftauchen können. Darum empfiehlt sich die Anwendung der Incoterms® FCA bei internationalen Lieferungen.

EXW und DDP vermeiden

Das «Gegenstück» zu EXW sind die Incoterms® DDP. Wieso die Incoterms® DDP einkaufsseitig immer wieder Schwierigkeiten bereiten, erfahren Sie in diesem Artikel: Incoterms® DDP – wer es einfach will, bezahlt mehr.

Die beiden Incoterms® sollten immer – einkaufsseitig und verkaufsseitig – mit Vorsicht angewendet und am besten ganz vermieden werden. Die oben genannten Schwierigkeiten treten nämlich auch «in umgekehrter Richtung» auf, wenn Sie EXW einkaufen und für die Beladung sowie Ausfuhrverzollung im Abgangsland verantwortlich sind.

Incoterms® 2020 – Was bringt die Zukunft?

Die Veröffentlichung der neuen Incoterms® 2020 durch die ICC erfolgt erst am 10. September 2019. Die Änderungen können daher noch nicht publiziert werden. Finesolutions bietet ab November 2019 das Seminar Incoterms® 2020 an, wofür wir uns von der ICC (Germany) zu akkreditierten Incoterms®-Trainern ausbilden lassen. Wenn Sie Fragen zu den Incoterms® 2010 haben oder wenn Sie sich für die Änderungen der Incoterms® 2020 interessieren, buchen Sie unser Seminar Incoterms® 2020.

Hier geht es zum Seminar

Holen Sie sich wertvolle Praxistipps von unseren akkreditierten Trainern an der nächsten Veranstaltung.

Incoterms® ist eine eingetragene Marke der ICC (International Chamber of Commerce), Paris
Quelle der FCA- und EXW-Auszüge: ICC Website. Den vollständigen Text der Incoterms® 2010 und ab dem 10. September auch der Incoterms® 2020 können Sie direkt beim ICC Store erwerben.

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Kommentare

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2 Kommentare zu «Incoterms® FCA vs. EXW: Nutzen & Vorteile»

  • Massimo Solano

    Hi

    Es war schon bei uns ein langer Kraftakt und etliche Diskussionen bis ich die Leute endlich auf FCA umstimmen konnte. Noch heute haben viele EXW im Munde…

    Leider ist es so, dass in manchen internationalen tätigen Firmen die Mitarbeiter fast oder gar keine Kenntnisse von Incoterms haben. Sie kennen nur EXW, DDU (DAP) oder DDP und gerade sowas führt / kann zu einem unnötigen Risiko führen.

    Selbst in der KV-Ausbildung wird nur ein kleiner Teil dem Incoterm-Fachwissen gewidmet – was ich sehr bedaure. Hier müsste man mehr in die Tiefe gehen und nicht nur an der Oberfläche kratzen…

    Jedes Unternehmen das international Tätig ist, sollte Ihr Incoterm-Fachwissen in dessen Firma stets sicherstellen bzw. viel stärker fördern.

    Ich finde es toll wie Ihr solche Themen und Informationen detailliert und einfach aufführt. Auch was das Angebot der Seminare die Ihr anbietet sind sehr unterstützend und gut verständlich aufgebaut. Dies bezeugt auch Eures grosses Fachwissen zu diesem Thema.

    Ein grosses Kompliment an Euch alle…

    • Lea Derendinger

      Ciao Massimo
      Vielen Dank für Deinen Kommentar zu unserem Blogbeitrag. Ich gebe Dir absolut Recht, dass sich viele Firmen mit den Incoterms® nur sehr oberflächlich auskennen und nicht detailliert wissen, wo zum Beispiel der Risikoübergang ist. Jeder Betrieb mit internationalen Lieferungen sollte sich um die vertraglichen Vereinbarungen mit Kunden und Lieferanten kümmern und die Incoterms® so definieren, dass diese für den entsprechenden Geschäftsfall geeignet sind.
      Herzlichen Dank auch für Dein Kompliment zu unseren Beiträgen und Fachbegriffen, welche wir veröffentlichen. Es freut uns sehr, wenn diese fleissig gelesen werden und dem Leser auch einen Nutzen bringen.
      Wir bedanken uns bei Dir für die langjährige und hervorragende Zusammenarbeit.
      Ganz liebe Grüsse
      Lea