Incoterms® DDP: Wer es «einfach» will, bezahlt mehr

13.08.2018 | Import | Lea Derendinger | 6 Kommentare
Incoterms® DDP Einkaufbedingungen

Bei einem Zeitungsabonnement sind die Versandspesen im Preis inbegriffen. Niemandem würde es einfallen, für jede einzelne Ausgabe nochmals Porto zu bezahlen. Doch genau dies tun unzählige Schweizer KMU bei der Einfuhr. Sie haben mit ihren ausländischen Lieferanten die «Incoterms® DDP» vereinbart. DDP ist die Abkürzung für die Lieferklausel «Delivered Duties Paid», also «geliefert, Zoll- und MWST-Abgaben bezahlt». Ohne es zu realisieren, bezahlt der Einkäufer diese Abgaben oftmals selber, denn in der Praxis kann Incoterms® DDP kaum umgesetzt werden.

Vermeintlicher Idealfall

Diese Erkenntnis ist unschön. Denn in der Theorie und aus Sicht des Einkaufs ist «Incoterms® DDP» ein echter Glücksfall: Der vom Lieferanten offerierte Preis enthält alle Zoll- und Mehrwertsteuerabgaben, es müssen also keine weiteren Kosten kalkuliert werden. Doch genau diese Annahme ist ein Trugschluss. Für eine funktionierende DDP-Lieferung muss die Importverzollung vom Verkäufer im Versandland organisiert werden. Somit ist der ausländische Lieferant für eine saubere Verzollung in der Schweiz verantwortlich, ebenso für die entsprechenden Zoll- und Steuerabgaben.

In der Praxis registrieren sich nur sehr wenige dieser Lieferanten in der Schweiz. Sie besitzen keine MWST-Nummer und können damit auch keine Steuerabgaben zurückfordern. Wenn eine Sendung nicht unter der Klausel DDP abgefertigt werden kann, wählt der Zolldienstleister (Import-Deklarant) nun meistens die Lieferklausel DAP («Delivered at place», geliefert am vereinbarten Ort).

Für die einkaufende Schweizer Firma hat diese abweichende Lieferklausel klare finanzielle Folgen. Bei einer DAP-Sendung werden die entsprechenden Zoll- und MWST-Abgaben dem Empfänger belastet. Für die vermeintliche DDP-Sendung bezahlt der Einkäufer die Abgaben also das erste Mal über den vereinbarten Preis und das zweite Mal direkt an die Zollverwaltung. Eine unnötige, aber sehr weit verbreitete Praxis.

Fatale Blindheit

Wie kommt es, dass diese Doppelzahlungen von niemandem bemerkt werden? Nach unseren Erfahrungen gibt es dafür 4 Gründe:

  • Nur die wenigsten Einkaufsabteilungen kontrollieren ihre Lieferantenrechnungen. Viele haben keine Ahnung, ob auf den Belegen überhaupt die richtigen Zolltarifnummern, Ursprungsangaben oder Lieferbedingungen/Incoterms® vermerkt sind.
  • Kaum jemand prüft, ob die vereinbarten Lieferklauseln tatsächlich eingehalten wurden. Zahlreiche Beschaffungsmitarbeiter vereinbaren mit ihren ausländischen Lieferanten DDP. Tatsächlich werden die Sendungen jedoch mit DAP abgewickelt.
  • Die Veranlagungsverfügung Zoll und MWST wird von der Einkaufsabteilung/Importabteilung nicht auf Richtigkeit überprüft. Deshalb bemerken die Firmen gar nicht, dass sie zu viele Abgaben bezahlen.
  • Meistens werden Rechnungen direkt an die Kreditorenbuchhaltung weitergereicht. Sofern der fakturierte Betrag nicht von der Bestellung abweicht, sieht auch die Buchhaltung keinen Grund für eine Kontrolle.

Die mangelnde Prüfung hat Folgen: Aufgrund der falschen oder unvollständigen Rechnungen der Lieferanten wird vom Verzollungsdienstleister (Deklarant/Spediteur) die Veranlagungsverfügung für die Einfuhr erstellt. Somit haben viele Schweizer Importeure Falschverzollungen im Haus.

Mangelhafte Rechnungen

In der Praxis sind insbesondere Rechnungen von asiatischen Lieferanten ungenügend. Meistens fehlen sämtliche Angaben, die für eine saubere Importverzollung notwendig sind. Das zeigt ein typisches Beispiel:

Position Part No. / Description Quantity Unit Price Amount USD
01 35124 Piston Rod complete 6000 1.50 USD 9'000.00 USD

Es fehlen folgende für die Importzollanmeldung relevante Aussenhandelsdaten:

  • Incoterms® mit Version (Jahreszahl) und Ortschaft
  • Zolltarifnummer / HS-Code
  • Ursprungsland
  • Brutto- und Nettogewicht

Auf der Rechnung fehlt die Zolltarifnummer. Der Zolldeklarant steht unter Zeitdruck und verzollt nach eigenem Gutdünken (die Verantwortung für die Prüfung auf Richtigkeit liegt bei der Firma in der Schweiz). Vermutlich wurde die Artikelbezeichnung falsch übersetzt («piston rod» = Kolbenstange, hier falsch übersetzt als «Möbelbeschlag»), zum Beispiel weil die bestellende Firma im Möbelgeschäft tätig ist.

Incoterms DDP Zollabgaben Möbelbeschläge

In den letzten Jahren hat sich auch die Belegqualität von EU-Lieferanten verschlechtert. Meistens erstellen diese Firmen nur noch Rechnungen für andere EU-Mitgliedsländer. Das nötige Fachwissen zum grenzüberschreitenden Warenverkehr erodiert oder ist schon gar nicht mehr vorhanden. Für Schweizer Importeure heisst das: Bei praktisch allen Lieferanten ist von einer mangelnden Qualität der Rechnungen auszugehen, womit das Risiko steigt, mit der Ware auch falsche Deklarationen ins Haus zu holen.

Vielen Einkäufern ist zu wenig bewusst, dass mit den vereinbarten Incoterms® auch der Übergang des Risikos, der Kosten und der Verantwortung für eine Lieferung geregelt wird. Hier zeigt sich eine weitere Schwäche von DDP: Wenn für das gewünschte Produkt eine Importlizenz einer Schweizer Behörde notwendig ist, kann der ausländische Lieferant diese gar nicht beantragen.

finesolutions-Tipp

Aus unserer Sicht ist DDP eine Lieferklausel mit hohen Risiken, die sich nicht für jede Bestellung eignet. Deshalb empfehlen wir unseren Kunden, bei internationalen Lieferungen DDP möglichst nicht anzuwenden.

Bei der Einfuhr von Waren riskiert man, falschen Deklarationen aufzusitzen und Abgaben zweimal zu bezahlen. Beim Export läuft man Gefahr, im Bestimmungsland, etwa China, als Importeur behandelt zu werden, obwohl man keinerlei Kenntnis der dortigen Zoll- und Steuerformalitäten hat.

Bessere Lösung

Der «Glücksfall» DDP stellt sich in der Praxis als untauglich und zu riskant heraus. Die Alternative dazu ist die Lieferklausel DAP. Auf den ersten Blick scheint diese Klausel mehr Arbeit zu verursachen, weil der Schweizer Importeur sich nun um Verzollung und Mehrwertsteuer kümmern muss.

Diese Annahme stimmt jedoch nicht: Schon heute müssen für jede Lieferung die Importbelege kontrolliert werden. Wenn man DAP vereinbart, erhält man die Ware gewissermassen zum Nettopreis und bezahlt die Abgaben nur einmal. Die bezahlte MWST kann von den meisten Firmen zurückgefordert werden, da diese in der Regel vorsteuerabzugsberechtigt sind.

Vorsicht bei der Wiederausfuhr

Schweizer KMU, die ins Ausland exportieren, sollten die Lieferklausel DDP im Einkauf aus einem weiteren Grund meiden: Waren, die mit Präferenzbegünstigung (dank einem Freihandelsabkommen) importiert wurden, dürfen in gewisse Zonen als Handelswaren wiederum präferenzbegünstigt re-exportiert werden.

Für eine saubere Wiederausfuhr müssen aber die Veranlagungsverfügungen Import auf Richtigkeit geprüft werden. Wenn Waren mittels der Klausel DDP importiert wurden, werden die Zollbelege dem Verkäufer zugestellt.

Somit müsste die Schweizer Firma nun den ausländischen Lieferanten kontaktieren und eine Kopie der Einfuhrzollbelege verlangen. Ansonsten könnte der Re-Export gar nicht ordnungsgemäss abgewickelt werden.

Klarheit bringt Komfort

Wie das Beispiel der DDP-Lieferungen zeigt, wird bei den meisten KMUs den Incoterms® viel zu wenig Beachtung geschenkt. Jedoch regeln diese Lieferbedingungen wichtige Aspekte einer Transportabwicklung inklusive Verzollung, Kosten und Verantwortung. Zudem steht hinter jeder Lieferklausel ein definierter Ort, an dem Risiko und Kosten vom Verkäufer auf den Käufer übergehen.

Wer klare Lieferbedingungen aushandelt, kann also nicht nur besser kalkulieren, sondern hat auch bei Transportschäden oder Verzollungsproblemen eine klare Handhabe. Nicht zuletzt wird das doppelte Bezahlen von Abgaben vermieden. Denn beim Import ist es wie bei der Zeitung: Es reicht, wenn man das Porto einmal entrichtet.

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Kommentare

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6 Kommentare zu «Incoterms® DDP: Wer es «einfach» will, bezahlt mehr»

  • Ariane Fässler

    Liebe Lea – ich setze seit Jahren – gegen grossen Widerstand des Sourcings und anderen internen Stellen – auf die DAP-Klausel und habe diese bei uns als grundsätzlichen „default“ Incoterm festgelegt. Immer wieder höre ich die Begründung, dass DDP „einfacher“ sei und muss dagegen argumentieren; ein weit verbreiteter Trugschluss, wie Du in Deinem Beitrag ausführlich und treffend beschreibst. Vielen Dank für diesen Artikel.
    Liebe Grüsse Ariane

    • Lea Derendinger

      Liebe Ariane
      Herzlichen Dank für Deinen Kommentar zu meinem Blog-Beitrag. Es freut mich, dass ich ein Thema angesprochen habe, welches in vielen Firmen zoll- und steuerrechtliche Probleme verursacht. Ich hoffe, dass Du den Beitrag auch intern weiterverwenden kannst um das Bewusstsein für diese Thematik zu fördern. Nächste Woche sehen wir uns an unserem Seminar Exportkontrolle – ich freue mich darauf.
      Herzliche Grüsse Lea

  • Ivo Schmid

    Sehr geehrte Frau Derendinger. Aus meiner Sicht sind einige Dinge in Ihrem interessanten Artikel nicht korrekt. Warum soll man bei DDP die Mehrwertsteuer doppelt bezahlen? Wir erhalten ab und zu eine Lieferung aus dem Ausland mit dem „falschen“ Incoterm DDP. (Ich bin mit Ihnen einverstanden, dass DDP grundsätzlich falsch wäre!). Aber in diesen Fällen ist im Verkaufspreis trotzdem KEINE Mehrwertsteuer enthalten, da z.B. eine Deutsche Firma, die etwas zu uns in die Schweiz exportiert, NIE die MWSt. auf der Rechnung aufführt. Wenn ein Preis von z.B. EUR 5’000.- für die Ware vereinbart wurde, dann ist das IMMER EUR 5’000.- OHNE MWSt. – ganz egal, ob der „falsche“ Incoterm DDP, oder der korrekte Incoterm DAP auf der Rechnung aufgedruckt ist. (Ich habe in 20 Jahren NIE einen Fall erlebt, in dem ein Lieferant von uns die MWSt. in den Preis mit einberechnet hat – das ist unter Firmen einfach nicht üblich.) Die Rechnung für die Einfuhrumsatzsteuer erhalten wir in beiden Fällen vom CH-Zoll (also egal ob DDP oder DAP auf der Rechnung aufgeführt ist). Hier scheint sich also Theorie (Ihr Artikel) und die alltägliche Praxis nicht zu decken.
    Fazit: Kostenmässig spielt es keine Rolle, ob DDP oder DAP auf einer Rechnung steht. Die Aussage in Ihrem Titel, dass diese Kosten bei „falschem“ Incoterm doppelt anfallen würden, stimmt in der Praxis einfach nicht. (Ich spreche vom Geschäft zwischen Firmen! Bei Lieferungen an Private mögen Sie Recht haben.)
    Vorteil von DDP: Unser Lieferant zahlt die Gebühren für die Verzollung! Bei DAP erhalten wir die Kosten für die Verzollung vom Spediteur aufgebrummt. (Bei Dachser sind das z.B. 27.- EUR pro Verzollung.)
    Die Problematik liegt doch darin, dass es gar keinen Incoterm gibt, der für Firmen, die präferenzbegünstigte Ursprungswaren zwischen der CH und der EU hin- und hersenden, geeignet ist. Ideal für uns Firmen wäre ein Incoterm „DDP unversteuert“ oder „DAP verzollt“. So würde der Lieferant alle Kosten für Transport und Verzollungsgebühren bezahlen, und der Warenempfänger die Einfuhrumsatzsteuer (welche er ja als Vorsteuerabzug wieder geltend machen könnte).
    Wenn wir jeweils unsere Spediteure fragen, erhalten wir unterschiedliche Antworten. Die einen empfehlen DAP, andere empfehlen DDP. Wir haben beides schon mehrfach gemacht (im Import- und im Export) und hatten bis jetzt noch gar nie ein Problem mit der MWSt.-Abrechnung – weder wir in der CH, noch unsere Kunden im angrenzenden EU-Ausland.
    Trotzdem wären wir froh, es gäbe bald einen Incoterm „Transport, Versicherung und Verzollungsgebühren bezahlt durch Lieferanten / Mehrwertsteuer bezahlt durch Empfänger“. Das würde das Leben für alle Firmenkunden massiv vereinfachen.

    • Lea Derendinger

      Sehr geehrter Herr Schmid

      Vielen Dank für Ihren Kommentar zu diesem Blog-Beitrag. Die Erkenntnisse, welche ich für diesen Beitrag zusammengetragen habe, stammen aus diversen Beratungsmandaten bei verschiedenen Schweizer Firmen. Dort durfte ich jeweils die Lieferantenvereinbarungen und die Importbelege sichten und auf Auffälligkeiten hinweisen. Es kam sehr oft vor, dass die Vereinbarung mit dem Lieferanten auf DDP-Basis abgeschlossen wurde und trotzdem Importbelege für Zollabgaben und MWST vorhanden waren und diese vom Importeur bezahlt wurden. Bei einem Kunden konnten die Importzölle über die letzten fünf Jahre wieder zurückgeholt werden und diese beliefen sich auf CHF 400’000. Da dem Lieferanten aufgezeigt wurde, dass die vertragliche Vereinbarung unter DDP-Incoterms abgeschlossen wurde und in der Praxis aber alles unter DAP-Incoterms abgefertigt wurde, war der Lieferant bereit, diese Abgaben rückwirkend zu übernehmen.
      Es freut mich zu hören, dass diese Fälle bei Ihnen nicht vorkommen und Sie Ihre Importe so geregelt haben, dass Sie nicht zu viel bezahlen. Ich war im Oktober 2014 für einen Workshop bei Ihnen und gerne können Sie mir ein paar Importbelege mit dazugehörigen Lieferantenrechnungen zustellen. Bei Interesse prüfe ich diese gerne auf «Auffälligkeiten». Sollte ich nichts finden, so müssen Sie für diese Dienstleistung auch nichts bezahlen und können so sicher sein, dass Sie zu den wenigen Ausnahmen gehören. Gerne höre ich wieder von Ihnen.
      Viele Grüsse
      Lea Derendinger

  • Gerhard Thiel, Verkehrsfachwirt IHK

    Wer es einfach will, bezahlt mehr
    So sehe ich es leider oft auch. Ich als erfahrener Logistiker mit 40 Jahren Berufserfahrung sehe oft das Problem, dass Entscheider über solche Lieferbedingungen keine Ahnung vom Incoterm selbst haben, was alles hinter solchen 3 Buchstaben „DDP“ steht und wollen sich gleichzeitig nicht die Blöße geben, auch mal eine Fachperson zu fragen.
    Meiner Erkenntnis nach gibt es nur wenige Ausnahmen, bei denen DDP wirklich sinnvoll und angebracht ist. DDP kann und soll eine berechtigte Ausnahme sein und kann niemals für ein Dauergeschäft herangezoben werden.

    • Lea Derendinger

      Sehr geehrter Herr Thiel
      Herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Schön zu sehen, dass unsere Blog-Beiträge eine so grosse Reichweite haben und sogar von Deutschland aus kommentiert werden. Vielen Dank für Ihre wertvollen Ergänzungen und ich kann Ihnen da nur zustimmen.
      Freundliche Grüsse
      Lea Derendinger

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