Prä­fe­renz­kal­ku­la­tion im ERP-​System nach Mass

29.01.2019 | Compliance, Export | Lea Derendinger | 2 Kommentare
Strahlregler von Neoperl Präferenzkalkulation

Seit November 2015 ist die Sammelverzollung von Exporten nach Deutschland nicht mehr möglich. Die obligatorische Anmeldung von Einzelverzollungen bedeutete zugleich das Ende der papiergestützten Empfängerlisten. Für einen unserer Kunden, die Neoperl AG in Reinach BL, verlangte dies grosse Umstellungen. Die Mitarbeitenden der Exportabteilung, welche die Exportabwicklung vornehmen, mussten nach der Gesetzesänderung bis zu 150 Präferenznachweise pro Tag erstellen und handschriftlich unterzeichnen. Zuvor war dies mit einer Ursprungserklärung auf einer Sammelrechnung respektive mit der Erstellung eines EUR.1-Formulars möglich gewesen.

Steck­brief Neoperl AG

Neoperl wurde 1959 als schweizerisch/deutsches Familienunternehmen an den Standorten Basel und Müllheim gegründet und beschäftigt weltweit über 1’800 Mitarbeiter in 17 Ländern. Neoperl entwickelt und produziert Produkte, die den Wasserstrahl formen, die Durchflussmenge regeln und dem Schutz des Trinkwassers dienen. Neben Armaturenherstellern und Industriekunden weltweit zählt auch der internationale Handel zu den Kunden der Neoperl-Gruppe.

Schrittweise Umstellung

Diese unangenehme Situation nutzte die Neoperl AG, um die verschiedenen Verzollungsprozesse zu hinterfragen und zu optimieren. Hier kam die finesolutions als Beraterin ins Spiel. Exportseitig musste wegen des Wegfalls von Sammelverzollungen eine effizientere Lösung gefunden werden. Beim Import wiederum stand die Umstellung auf elektronische Veranlagungsverfügungen (eVV) auf dem Programm.

Der erste Schritt war die Umstellung auf eVV Import. Zwar gab es schon vorher eine Belegkontrolle der Veranlagungsverfügungen und die obligatorische Prüfspur zum Geschäftsfall wurde sichergestellt (Zusammenführung eVV Import zur Lieferantenrechnung). Mit dem Wechsel auf unsere Software ImpoWin wurde diese Arbeit vereinfacht. Die Belege werden nun elektronisch verwaltet. Zudem sind die Prüfschritte einfacher geworden und können schneller durchgeführt werden.

Verbesserte Grundlagen

Bei der Präferenzkalkulation sind bekanntlich eine Vielzahl von Vorschriften zu beachten, die wir in unserem Blogbeitrag Die Zutaten sind entscheidend beschrieben haben. Mit der neuen Verwaltung der elektronischen Importbelege zeigte sich, dass diverse Lieferanten die Güter einmal mit und einmal ohne Präferenzeigenschaft lieferten. Diese Lieferanten wurden entsprechend informiert, die Zahl der präferenzbegünstigten Importe stieg dadurch. Ein schöner Nebeneffekt dieser Optimierung sind tiefere Zollabgaben. Mit Hilfe von finesolutions wurden die Aussenhandelsdaten weiter verfeinert und verbessert. Dazu gehören etwa korrekte Zolltarifnummern auf den Lieferantenrechnungen. Im Zuge dieser Massnahmen konnten die ganzen Einkaufsprozesse besser strukturiert und damit gültig definiert werden.

Differenzierte Kalkulation

Je nach Zolltarifnummer der hergestellten Produkte muss die Präferenzkalkulation anders aufgebaut werden. Ebenso gibt es je nach Produkt andere Listenkriterien von Freihandelsabkommen, die erfüllt werden müssen. Deshalb wurde zuerst eine Stammdatenbereinigung bezüglich Zolltarifnummern durchgeführt. Mit der Tarifierungsunterstützung unseres Zolltarifspezialisten konnte das ganze Artikelsortiment (16’000 aktive Artikel) bereinigt werden. Dies schuf eine saubere Stammdatenbasis. Für jeden Einkaufsartikel kann nun genau bezeichnet werden, ob er mit oder ohne Präferenzeigenschaft geliefert wurde.

Präferenzermittlung durch FineSolutions AG

Integration nach Mass

Manche ERP-Systeme können nur begrenzt an die Wünsche des Kunden angepasst werden. Anders beim von Neoperl verwendeten OpaccERP. Weil auf der Artikelstammebene ein Präferenzstatus definiert werden kann, war es möglich, die weiteren Schritte in Angriff zu nehmen. Finesolutions lieferte Fachwissen bezüglich der Freihandelsabkommen und der Interpretation der Listenregeln. So konnte die Präferenzkalkulation gemeinsam von Neoperl und Opacc technisch umgesetzt werden. Für finesolutions war es wichtig, dass unser Kunde bei fachlichen Fragen jederzeit eine kompetente Ansprechperson hat, die effektive Umsetzung aber grösstenteils selbständig mit seinem ERP-Anbieter umsetzen kann.
Wie funktioniert nun das neue System? Die Listenkriterien der einzelnen Zolltarifnummern können im ERP-System erfasst werden, für jeden Auftrag wird eine Präferenzkalkulation durchgeführt und das System errechnet einen Mindest-Ab-Werk-Preis. Die Kalkulation erfolgt aufgrund von effektiven Einkaufspreisen und ist somit immer aktuell. Bei einer Fakturierung eines höheren Verkaufspreises als des Mindest-Ab-Werk-Preises wird der gefertigte Artikel automatisch mit dem Präferenzkennzeichen versehen und die korrekte Ursprungserklärung für das entsprechende Abkommen wird in der Rechnung angedruckt.

Effiziente Abwicklung

Nachdem das ERP-System für die importseitige Präferenzabwicklung angepasst war, ging es um die Erstellung der Exportpapiere. Bei rund 150 Exportsendungen pro Tag brauchte es eine Brücke zur Exportabwicklung mit dem System e-dec Export der Eidgenössischen Zollverwaltung. Deshalb wurde eine Anbindung von OpaccERP an das Verzollungssystem des Haus-Spediteurs realisiert. Die neue Schnittstelle übergibt die Sendungsdaten an die e-dec-Export Softwarelösung des Spediteurs und zugleich an das Atlas-Verzollungssystem für die Einfuhrzollanmeldung in Deutschland. Weitere Sendungen werden durch Neoperl AG direkt in der Softwarelösung ExpoWin angemeldet. Zudem wurde im OpaccERP der Rechnungsdruck angepasst. Neu werden bei jeder Exportsendung die präferenzbegünstigten Artikel ausgewiesen und die entsprechende Ursprungserklärung wird angedruckt.
Vom Kick-off-Termin bis zum Erhalt der EA-Bewilligung dauerte das gesamte Projekt rund 14 Monate. Dieser sportliche Zeitplan war dank der guten Zusammenarbeit zwischen der Neoperl AG und finesolutions möglich. Zudem braucht es einen ERP-Partner, welcher die fachlichen Inputs versteht und technisch entsprechend umsetzen kann.

Exportdokumente ExpoWin

Neuer VIP-Status

Vor dem Projektbeginn besass die Neoperl AG noch keinen Status als Ermächtigter Ausführer (EA). Deshalb musste auch die Ursprungserklärung auf jeder einzelnen Exportrechnung handschriftlich unterschrieben werden. Dies war bei 95 % der Exportsendungen der Fall. Zu Beginn des Projektes war deshalb klar: Neoperl braucht den EA-Status. Die entsprechende Bewilligung wurde direkt bei der Zollkreisdirektion Basel beantragt, nachdem die Präferenzkalkulation funktionierte und die Prozesse korrekt umgesetzt wurden. Die Zollkreisdirektion überprüfte den Antrag und besichtigte den Betrieb in Reinach. Zusammen mit der EA-Bewilligung erhielt die Firma Neoperl AG auch lobende Worte der Zollkreisdirektion bezüglich der vorbildlich umgesetzten Zoll- und Präferenzabwicklung. Diese positive Erwähnung freut nicht nur unseren Kunden, sondern auch finesolutions als beratende Firma sehr.

FineSolutions-​Tipp

Möchten Sie eine rechtskonforme Präferenzabwicklung in Ihrem Betrieb umsetzen? Wir stehen Ihnen gerne beratend zur Seite und zeigen Ihnen auf, wie Sie durch die strategische Betrachtung den optimalen Nutzen von Freihandelsabkommen erzielen können. SAP-Anwendern stellen wir gerne unsere Präferenzlösung „PCALC4ERP“ innerhalb SAP ERP bzw. S/4HANA vor.

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Kommentare

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2 Kommentare zu «Präferenzkalkulation im ERP-System nach Mass»

  • Meinrad Zehnder

    Sehr geehrte Frau Derendinger,

    Das Ende der Sammelzollanmeldung mittels papiergestützten Empfängerlisten haben wirklich viele Exporteure herausgefordert, so auch uns. Der neue UZK lässt grüssen. Wir haben darauf hin ebenfalls unsere Abläufe analysiert und kamen zum Schluss Atlas in unserem Betrieb einzuführen. Zuerst konnten wir noch mit Spezialbewilligung die Sammelverzollung auf unser Lager bis Ende 2017 weiterführen. Seit 2018 gilt auch für uns Einzelzollanmeldung. Trotz dem heutigen Mehraufwand (rund 5000 Verzollungen pro Jahr) darf die Umstellung als Erfolg gewertet werden. Die Datensicherheit und Datenqualität für die Anmeldungen haben klar zugenommen, was uns auch vom DE-Zoll bestätigt wurde. Nun gilt es noch die Neubewertung der Aufschub-Konten zu überstehen, daraufhin ein zusätzliches Aufschub-Konto zu beantragen und danach sind die Exporte in unsere Direkt Märkte der EU state-of-the art.

    Gruss Meinrad Zehnder

    • Lea Derendinger

      Sehr geehrter Herr Zehnder
      Herzlichen Dank für Ihren wertvollen Kommentar. Es ist immer interessant zu lesen, wie diese Umstellung auf Einzelverzollungen in anderen Betrieben umgesetzt wurde. Für Firmen mit vielen Ausfuhrsendungen ist eine Datenübergabe an das Atlas-System eine sehr effiziente Lösung. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Neubewertung und Beantragung der Aufschub-Konten und ich bedanke mich herzlich für die gute Zusammenarbeit.
      Herzliche Grüsse
      Lea Derendinger

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