Ursprungs­kal­ku­la­tion: Betrei­ben Sie den Auf­wand nur, wenn es sich «lohnt»

30.09.2019 | Compliance, Export | Lea Derendinger |
Schematische Darstellung Ablauf Präferenzermittlung inklusive präferenzielle Ursprungskalkulation

Eine präferenzielle Ursprungskalkulation oder auch Präferenzkalkulation genannt, wird immer dann benötigt, wenn Sie Güter mit einem Präferenznachweis in ein Land exportieren möchten, mit welchem die Schweiz/EFTA (EFTA = European Free Trade Association) ein Freihandelsabkommen abgeschlossen hat. Die Ursprungskalkulation muss nur dann erstellt werden, wenn die Produkte in Ihrem Betrieb hergestellt wurden und eine wesentliche Bearbeitung erfolgte. Für Handelswaren, welche Sie unverändert wieder ins Ausland verkaufen, benötigen Sie keine Kalkulation, jedoch müssen die Vorursprungsbelege (Präferenznachweise) für diese Güter vorliegend sein. Eine Ursprungskalkulation enthält andere Elemente als die oft in Betrieben anzutreffende Produktkalkulation.

Die wichtigste Frage zu Beginn – lohnt sich der Aufwand für die Ursprungskalkulation?

Als Zollberater sehen wir immer wieder Kalkulationen, welche für Güter erstellt werden, die im Bestimmungsland keine Zollabgaben hervorrufen. Sofern ein Präferenznachweis erstellt wird, muss zwingend eine Ursprungskalkulation vorhanden sein. Oft werden Präferenznachweise (zum Beispiel von EA – Ermächtigten Ausführern) automatisiert auf der Exportrechnung angedruckt, ohne dass vorher geprüft wurde, ob ein Nachweis und somit eine Ursprungskalkulation, überhaupt nötig ist.

Die Ausstellung eines Präferenznachweises ist immer freiwillig und kein Muss.

Fine­so­lu­ti­ons Pra­xis­bei­spiel

Ein Schweizer Exporteur liefert eine Förderanlage der vierstelligen Zolltarifnummer 8428 an seinen Kunden in Singapur. Beim Export wird die Ursprungserklärung im Sinne des Freihandelsabkommens EFTA-Singapur auf der Rechnung angedruckt.

Obwohl diese Waren beim Import nach Singapur «von Natur aus» zollfrei eingeführt werden können, wird die Präferenzeigenschaft bestätigt, welche somit auch von der EZV (Eidgenössische Zollverwaltung) überprüft werden darf.

Der Exporteur begibt sich in ein Risiko, welches aus finanzieller Sicht überhaupt nicht notwendig ist. Da die Importverzollung in Singapur so oder so zollfrei erfolgt, kann getrost auf die Präferenzangabe verzichtet werden und das zeitintensive Erstellen der Ursprungskalkulation ist nicht notwendig.

Prüfen Sie also zuerst folgende Gegebenheiten:

  • Bezahlt Ihr Kunde Zollabgaben im Bestimmungsland?
  • Benötigt Ihr Kunde den Präferenznachweis, weil er auf die Präferenzeigenschaft angewiesen ist, da die Güter eventuell in ein Endprodukt verbaut werden?
  • Sofern Ihr Kunde, gemäss seiner Aussage, auf die Präferenzeigenschaft angewiesen ist: Prüfen Sie, ob Ihr Kunde die Güter überhaupt präferenzbegünstigt weiterverwenden kann (oftmals verlangt der Kunde einen Nachweis, obwohl er diesen nicht benötigt).

Sofern im Bestimmungsland Zölle erhoben werden oder Ihr Kunde zwingend auf den Präferenznachweis von Ihnen angewiesen ist, benötigen Sie eine Präferenzberechnung für die hergestellten Güter.

Fine­so­lu­ti­ons Tipp

Eine präferenzielle Ursprungkalkulation zu erstellen ist immer mit Aufwand verbunden. Nur sofern Sie als Gegenzug zum Aufwand auch Zolleinsparungen erreichen oder der Kunde auf die Präferenzeigenschaft angewiesen ist, sollten Sie diese internen Aufwände für das Erstellen der Kalkulation auf sich nehmen.

Wurde mehr als nur eine Minimalbehandlung am Produkt durchgeführt?

Sofern sich die Erstellung einer Ursprungskalkulation «lohnt» (siehe erster Abschnitt), prüfen Sie nun, welche Art von Bearbeitung bei Ihnen im Betrieb am Produkt durchgeführt wurde.

Fine­so­lu­ti­ons Pra­xis­bei­spiel

Wenn Sie zwei eingekaufte Komponenten einfach mit einem Schraubenzieher zusammen montieren, was kein Fachwissen benötigt und wozu keine weiteren Werkzeuge/Maschinen verwendet werden, fällt diese Bearbeitung im Sinne der Freihandelsabkommen unter eine Minimalbehandlung.

  • Bei einer Minimalbehandlung (ungenügende Be- oder Verarbeitung) wird keine präferenzielle Kalkulation des Produktes benötigt, da die Minimalbehandlungen nicht ursprungsverleihend sind.

Bei einer Minimalbehandlung können Sie noch prüfen, ob die «Gesamtbetrachtung» angewendet werden darf.

Sofern mehr als eine Minimalbehandlung am Produkt erfolgte, geht es nun darum, die korrekte Präferenzkalkulation zu erstellen.

Welche Listenkriterien bzw. Ursprungsregeln müssen erfüllt sein?

In jedem Freihandelsabkommen gibt es Listenregeln oder auch Listenkriterien bzw. Ursprungsregeln genannt, welche erfüllt sein müssen, damit die Präferenzeigenschaft des Produktes bestätigt werden darf. Prüfen Sie nun, welches Freihandelsabkommen bei der Lieferung an Ihren Kunden genutzt werden kann. Danach muss zuerst das Listenkriterium für die entsprechende Zolltarifnummer Ihres hergestellten Exportproduktes herausgesucht werden.

Fine­so­lu­ti­ons Pra­xis­bei­spiel

Sie stellen Klimageräte der vierstelligen Tarifnummer 8415 her und möchten diese präferenzbegünstigt an einen Kunden in die EU liefern. Die Zollabgaben, welche beim Import in die EU anfallen, belaufen sich auf 2.7 % des Wertes.

Ihr Kunde bittet Sie einen Präferenznachweis zu erstellen, damit er die Zollabgaben bei der Zollverwaltung einsparen kann. Die Frage der Minimalbehandlung erübrigt sich, weil die Herstellung der Klimageräte vollumfänglich in Ihrem Betrieb stattfindet. Welche Listenregel kommt zur Anwendung?

In der Übersicht der Freihandelsabkommen R-30 der EZV sind alle Freihandelsabkommen und Präferenzregelungen der Schweiz oder EFTA aufgeführt und die Listenregeln sind wie folgt zu finden:

Ursprungsregel-Liste der erforderlichen Produkt Bearbeitungen R-30 für die Ursprungskalkulation

Die Listenregel des Klimagerätes für den Export in die EU muss im R-30 unter der Spalte «Liste der erforderlichen Bearbeitungen» beim Abkommen EU nachgeschaut werden. Bei der vierstelligen Zolltarifnummer (HS-Position) 8415 finden Sie folgenden Hinweis:

Auszug aus der Listenregelliste für die Tarifnummer 8415 im Abkommen EU - Schweiz für die Ursprungskalkulation

Bei der Herstellung dieser Klimageräte dürfen Sie maximal 40 % an Drittland-Waren (Vormaterialien ohne präferenziellen Ursprung) verwenden. Dieser Anteil wird immer im Vergleich zum Ab-Werk-Preis berechnet, der 100 % darstellt.

Ist eine «vereinfachte» Präferenzkalkulation möglich?

Je nachdem, welche Listenregel erfüllt werden muss, genügt vielleicht auch schon eine vereinfachte Kalkulation. Falls der sogenannte Positionssprung (auch Tarifsprung, Positionswechsel genannt), erfüllt werden muss, kann lediglich eine vereinfachte Präferenzüberprüfung Ihrerseits erfolgen:

  • Wurde in der Stückliste Drittland-Vormaterial verwendet, welches die gleiche Zolltarifnummer (HS-Position) besitzt wie das Endprodukt, das hergestellt wird?

Erläuterungen zu den verschiedenen Listenkriterien oder Ursprungsregeln finden Sie unter unserem Zollthema Listenregeln.

Fine­so­lu­ti­ons Tipp:

Vereinfachte Kalkulation am Beispiel des Wertkriteriums für Klimageräte

Um keine aufwändige und zeitintensive Ursprungskalkulation erstellen zu müssen, prüfen Sie nun im Fallbeispiel des Klimagerätes, ob Sie das Kriterium schon mit den Herstellungskosten und Ihrem Gewinnanteil erfüllen. Sie erstellen eine ganz einfache Rechnung wie folgt und setzen die prozentualen Anteile neben die Wertangaben:

Total Materialaufwand gemäss Vormaterial in der Stückliste:
CHF 350.00 = 35 %
+ Herstellungskosten und Gewinn:
CHF 650.00 = 65 %
= Ab-Werk-Preis des Klimagerätes:
CHF 1’000.00 = 100 %

  • Sie erkennen sofort, dass dieses Kriterium erfüllt wurde, weil der gesamte Materialaufwand unter dem maximalen 40 % Drittland-Anteil liegt.

Fine­so­lu­ti­ons Hin­weis

In den meisten Freihandelsabkommen gehören Betriebsmittel, wie zum Beispiel für den Maschinentest verwendete Schmierfette, nicht zum Materialaufwand einer Präferenzkalkulation.

Auszug aus den Ursprungsbestimmungen der EZV (Erläuterungen und Verfahrensbestimmungen):

Auszug aus den EZV Ursprungsbestimmungen Art. 8.2 Neutrale Elemente

In vielen Fällen muss nun die Stückliste dahingehend bearbeitet und ergänzt werden, damit die nötigen Informationen für eine präferenzielle Ursprungskalkulation vorhanden sind. Eine Aufzählung der einzelnen Elemente, die in einer Kalkulation ersichtlich sein müssen und eine Musterkalkulation finden Sie unter unserem Zollthema Präferenzkalkulation.

Zudem ist zu empfehlen, das Listenkriterium und das angewendete Freihandelsabkommen sowie die Zolltarifnummer des Exportproduktes in der Ursprungskalkulation festzuhalten. So kann die korrekte Ursprungskalkulation bei einer späteren Kontrolle oder bei einer Ursprungsüberprüfung oder Zollprüfung durch die EZV ohne grosse Aufwände vorgelegt werden.

Wie sich der Wert der Vormaterialien und des Ab-Werk-Preises definieren, ist in den Bestimmungen der Freihandelsabkommen festgehalten. Viele ERP-Systeme können die Stückliste nur mit gleitenden (durchschnittlichen) Einkaufs- und Verkaufspreisen anzeigen lassen. Für eine Präferenzkalkulation muss jedoch immer mit effektiven Einkaufs- und Verkaufspreisen kalkuliert werden.

Welche Stolpersteine sind zu beachten?

In unserer Tätigkeit als Zollberater haben wir schon viele falsche Präferenzkalkulationen gesehen. Die häufigsten Stolpersteine und Unstimmigkeiten in präferenziellen Ursprungskalkulationen sind:

  • Es wird eine Kalkulation erstellt, obwohl keine Zolleinsparungen erzielt werden können
  • Trotz einer Minimalbehandlung bei der Herstellung des Produktes wird eine Kalkulation erstellt
  • Es wird mit dem falschen Listenkriterium gerechnet (generell mit 30 % oder ähnliche Vereinfachungen, welche zu Fehler führen)
  • Die Angaben in der Ursprungskalkulation sind ungenügend (fehlende Elemente)
  • Es wird nur mit den autonomen Ursprungsländern kalkuliert und übersehen, dass Güter mit z.B. Ursprung EU, auch ohne Präferenzeigenschaft eingekauft wurden, und somit zum Drittland-Anteil gehören
  • Die Zolltarifnummer des Exportproduktes wurde nicht korrekt definiert und somit wird die falsche Listenregel herausgesucht
  • Die Zolltarifnummern der Vormaterialien sind teils nicht bekannt und müssen für die Ursprungsermittlung zuerst ermittelt werden
  • Es wird mit falschen Einkaufs- und Verkaufspreisen kalkuliert
  • Falsche Umrechnungskurse werden für die Währungsumrechnung bei Vormaterialien verwendet
  • Die Stückliste beinhaltet Kosten für Lohnveredelungen und somit ist der reine Materialaufwand nicht klar zu bestimmen
  • Kosten für Transportverpackungen werden fälschlicherweise eingerechnet

Zudem gibt es verschiedene Hürden bei der Beschaffung der korrekten Präferenznachweise der Vormaterialien. Wir sehen immer wieder formell ungültige Nachweise, die schon falsch eingefordert werden. In diesem Bereich besteht ein grosser Wissensmangel bei den Firmen und sobald wir Zollberater die Vorursprungsbelege sichten, stellen wir fest, dass zum Beispiel ganz viele Lieferantenerklärungen im Inland ungültig sind. Dies bedeutet, dass der Aufwand für die Beschaffung dieser Vorursprungsnachweise absolut unnötig war, da die Belege bei einer Zollprüfung wertlos sind.

Die Präferenzabwicklung ist ein Thema, das sich durch den gesamten Betrieb zieht. Sie sollte systematisch und nach den geltenden Zollbestimmungen organisiert und implementiert werden. Auch sollten die Aufwände wirklich nur dort betrieben werden, wo Zolleinsparungen erzielt werden können oder berechtigte Kundenwünsche erfüllt werden. Gerne stehen wir Ihnen beratend zur Seite, damit Sie die Präferenzabwicklung in Ihrem Betrieb konform und schlank umsetzen können.

Das Ziel sollte sein: Mit möglichst geringem Aufwand jederzeit die Präferenzeigenschaft zollkonform belegen und der EZV bei einer Ursprungsüberprüfung eine korrekte Kalkulation vorlegen zu können.

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